Sozial - aber nicht blöd!

Belinda Zangerl schreibt über die Proteste in Gesundheits- und Sozialberufen

Kürzlich kam es zu Protesten rund um die KV Verhandlungen der Gesundheits- und Sozialberufe. 4,1% Lohnerhöhung forderten die Angestellten. Das „Angebot“ der ArbeitgeberInnen von 3,05% war der reinste Hohn, denn bei einer steigenden Inflationsrate von 3,3% (Wocheneinkauf sogar bei 5,5%) ist das nichts anderes wie eine Lohnkürzung. Zu Recht hat die Gewerkschaft zu Protesten aufgerufen und zu Recht sind am 1. Februar tausende Betroffene und Solidarische in fast allen Landeshauptstädten auf die Straßen gegangen, um den ArbeitgeberInnen und vor allem den Trägerschaften zu zeigen: wir tragen die Verantwortung vor Ort und baden ohnehin die sozialen Folgen eurer inhumanen Misswirtschaft aus, aber sicher nicht um jeden Preis!
Der Arbeitsalltag eines Pflegers/einer Sozialarbeiterin entwickelt sich zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Dank Einsparungen unserer Landesregierung kam es bereits zu massiven Stundenkürzungen, was für die Angestellten nicht nur Einkommensverlust bedeutet, sondern auch weniger Ressourcen für mehr und intensivere Arbeit. Durch die zunehmende soziale Kälte und die daraus resultierenden steigen sozialen Probleme, steigt natürlich der Bedarf an Betreuung und Pflege. Was bedeutet, dass die Anzahl der Klientinnen und ihre Bedürfnisse wachsen, aber die Ressourcen für ihre Unterstützung immer weniger werden. Es ist ein Teufelskreis und beide Antriebe(mehr Notwendigkeit, weniger Möglichkeit) haben dieselbe üble Ursache: eine neoliberale asoziale Politik, die mittels ständiger Umverteilung nach oben, lieber Banken und Konzerne rettet, und diejenigen, die ohnehin schon vom System gezeichnet sind, fallen lässt. Aber der Schein einer „sozialen Marktwirtschaft“ muss natürlich aufrecht erhalten bleiben, deshalb wird im Sozialbereich von „gleicher Qualität trotz weniger Geld“ geschwafelt. Dieses hübsche Etikett ist in Wahrheit für die meisten ein unpackbarer Spagat zwischen Selbstverrat und Selbstaufopferung. Mach ich jetzt noch mehr unentgeltliche Überstunden oder Vorbereitungsarbeit in meiner Freizeit, oder nehm ich in Kauf, dass den KlientInnen noch weniger als bisher zu Gute kommt? Wir sind diejenigen, die versuchen müssen den Schaden abzufedern, den hilfsbedürftige Menschen durch diesen Sozialraub noch zusätzlich erleiden. Das geht fast nur mit eigenen Ressourcen. Und die werden dann nicht angemessen erhöht, sondern noch gekürzt? Als Angestelltengruppe, die ohnehin 17%(!) unter dem Durchschnittseinkommen liegt? Wir sind vielleicht sozialer als manch andere, aber deshalb noch lange nicht blöd!
Die Verhandlungen sind inzwischen abgeschlossen. Gewerkschaft (GPA-djp) und ArbeitgeberInnenvereinigung (BAGS) haben sich auf eine Erhöhung der Grundgehälter um 3,4% und eine Erhöhung der Ist-Löhne/Gehälter um 3,2% geeinigt. Nochmal zur Erinnerung: die Inflation liegt bei 3,3%. Kleine Trostpflaster sind Verbesserungen bei der Anrechnung von Karenzzeiten und beim Kilometergeld für Dienstreisen.
Das Ergebnis der Verhandlungen ist bestimmt kein Grund zum Feiern. Jedoch konnten minimale Verbesserungen erkämpft werden; wer weiß, wie das Ergebnis ohne die Kampfmaßnahmen und Protestaktionen ausgefallen wäre. Daher werden wir nächsten Herbst unsere Rechte noch stärker einfordern.
Belinda Zangerl,
studiert Soziologie und ist Betriebsratsvorsitzende des Vereins Wildrosen
(Frauenschutzzentrum/Mädchen -und Frauenberatungsstelle Kapfenberg)